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Corona-Statement: Fachstelle für Sucht und Suchtprävention

"Die Folgen der Pandemie wirken sich ganz wesentlich auch auf die Arbeit der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention aus. Angefangen von Einschneidungen im Präventionsbereich bis hin zur Kooperationsarbeit.

Suchtvorbeugende Präventionsmaßnahmen in Schulen, in Jugendwohngruppen und in den Kirchengemeinden fielen ebenso aus wie Kooperationstreffen mit Senioreneinrichtungen im Projekt „Sucht im Alter“ sowie Kindertagesstätten im Projekt „Smart at home“. Regelmäßige Arbeitskreistreffen mit den sieben kooperierenden Selbsthilfegruppen und Gremienenarbeit mussten abgesagt bzw. aufgeschoben werden.

Nachdem auch die Sprechzeiten in den Krankenhäusern der Region nicht mehr fortgesetzt werden konnten, konzentrierten wir uns auf unsere Kernaufgabe: die Beratung, Begleitung und Behandlung derjenigen Menschen, die sich wegen einer Suchtproblematik hilfesuchend an uns wandten. Viele Krisengespräche waren erforderlich. Es war eine tiefe Verunsicherung und daraus resultierend Überforderung festzustellen.

Im Bereich der Angehörigenberatung war ebenfalls eine deutliche Zunahme der Nachfrage zu verzeichnen. In vielen Familien hatte sich die Situation bedingt durch den Lockdown weiter zugespitzt. Der Konsum von Suchtmitteln verzeichnete insgesamt, wie den meisten ja bekannt sein dürfte, einen Anstieg, so dass auch die Probleme gravierender wurden und der innerfamiliäre Druck so hoch war, dass auch die Angehörigen (insbesondere Partner und Eltern) verstärkt unter Druck kamen. 

Das Zusammenleben mit einem suchtkranken Partner birgt die große Gefahr, dass alle anderen Familienmitglieder ebenfalls krank werden können, etwa durch die Entwicklung von zu großen Ängsten, zunehmenden Zwängen oder auch Depressionen. Dieses trifft die Erwachsenen aber natürlich auch im Haushalt lebende Kinder besonders stark. Pandemie bedingt verstärkt wird dabei auch noch die teilweise ohnehin vorhandenen Rückzugstendenzen von Kindern aus suchtbelasteten Familien. Einige berichten, sehr froh darüber zu sein, keine Ausreden mehr für ihre Freunde finden zu müssen, diese nicht zu Besuch einladen zu müssen. Das alles bleibt dann nicht ohne Folgen. Corona bedingte Einschränkungen verstärken die ohnehin schon bestehende Handlungsfreiheit und Selbstbestimmtheit aller Familienmitglieder und der Menschen insgesamt.

Die Gruppe der alleinlebenden Menschen mit Suchtproblemen, die ca. 25 % ausmachen, hat besonders unter den Pandemiefolgen zu leiden. Dadurch dass das Suchtmittel häufig als Beziehungsersatz in der Vergangenheit gedient hatte, standen die Alleinlebenden vor der besonderen Herausforderung im Umgang mit dem Kontaktverbot nicht wieder auf das Suchtmittel/Suchtverhalten zurückgreifen zu müssen. Sie waren für unsere Unterstützung in der Lockdown-Zeit dankbar dafür, dass wir sie 1 - 2-mal wöchentlich zumindest telefonisch begleiten konnten.

Insgesamt hat sich die telefonische Beratung sowie die Online-Beratung als großer Erfolg dahingehend herausgestellt, dass die Abbruchquote mit ca. 10 % wider Erwarten gering ausfiel. Dies bedeutete, dass wir im Zuge der Lockerung wieder mit fast allen Hilfesuchenden weiterarbeiten konnten. Hier hatten wir eine höhere Abbruchquote erwartet. Auch die Art der Nutzung, vor allem der telefonischen Beratung fiel sehr positiv aus. Ob Therapieantragstellung, Entgiftungsvermittlung oder Behandlung, es konnte gemeinsam an Zielen gearbeitet werden, die für jeden Einzelnen wichtig waren und die Ziele nicht verschoben oder aufgegeben werden mussten. Die Telefonate waren geprägt von großer Offenheit und Vertrauen. Einigen schien es dabei sogar zu helfen, quasi aus dem persönlichen Umfeld, von Zuhause heraus offen sprechen zu können. Dieses spiegelte sich dann auch jeweils in der Qualität der Telefonate wider, wie wir es erlebt haben. Im Rahmen der Behandlung dauerten diese durchschnittlich 50 Minuten und im Rahmen der Begleitung 15-30 Minuten. 

Als recht kritisch erwies sich für uns zeitweilig, dass das Entgiftungsangebot in der Diepholzer Region drastisch zurückgefahren worden war und dadurch nur noch begrenzt die Möglichkeit gegeben war eine Entgiftungsvermittlung, also eine Hilfe in größter Not, anbieten zu können. Eine wahrlich große Herausforderung war es für uns Mitarbeiter/innen die unterschiedlichen Umgangsformen der einzelnen Entwöhnungskliniken, in denen sich zeitweilig bis zu 30 Personen befanden die wir dort hin vermittelt hatten, im Umgang mit Aufnahmevoraussetzungen, früheren Entlassungen zu behalten.

Grundsätzlich schwierig war es für all diejenigen, die im Vorfeld keinen Kontakt zu einem unserer Mitarbeiter/innen hatten und die sich erstmalig an die Fachstelle wandten. Für die Betroffenen, wie auch für uns Mitarbeiter/innen war es dann jeweils eine größere Ungewissheit, wie es dann mit den ersten persönlichen Gesprächen, als es in der Fachstelle wieder möglich war, die Beratung fortzuführen.

Rückblickend können wir mit dem Verlauf von März an zufrieden sein. Der Bedarf von Angehörigenberatung war in der Lockdown-Zeit signifikant gestiegen und 90 % der 155 Hilfesuchenden blieben über den Lockdown hinaus in der Begleitung durch unsere Fachstelle. In Bezug auf die gesunkenen Neuanmeldungen können wir jetzt bereits sagen, dass diese vermehrt in den Monaten aufgetreten sind, als die Lockerungen in Verbindung mit den Hygiene- und Abstandsregelungen einsetzten.

Gerade zuletzt haben wir erlebt, dass die Bedeutung unseres ambulanten Hilfeangebotes gerade auf dem Hintergrund der weiter anhaltenden Pandemie und für viele gerade deshalb eher in Erwägung gezogen wird, als etwa stationäre Maßnahmen. Durch die Veränderungen und Anpassungen unserer Hilfsangebote in der Pandemiezeit sind wir auch zukünftig flexibler aufgestellt und können in verschiedene Richtung reagieren und agieren. Das Wichtigste ist mit den Hilfesuchenden in Kontakt bleiben zu können und dabei alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die es gibt. Diesbezüglich wird insbesondere die Online-Beratung im Hinblick auf die uns bevorstehenden Wochen des Restjahres 2020, aber wahrscheinlich auch noch darüber hinaus noch eine bedeutsamere Rolle spielen. Neben Einzelgesprächen mit Patienten im Rahmen ihrer ambulanten Therapie können wir dank der Unterstützung unserer EDV-Abteilung im Kirchenkreis online Gruppenangebote anbieten, was den Zusammenhalt sicherlich weiter förderlich sein dürfte. Und auch wenn es bei einigen Betroffenen zu Rückfällen gekommen ist, so konnte doch eine hohe Zahl es für sich schaffen, unter diesen besonderen Gegebenheiten stabil suchtmittelfrei zu bleiben."

Jens Rusch